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Ehemaligen-Treffen

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Ehemaligen-Treffen und Wiedereinsetzung des Grundsteins

Über 100 Ehemalige, die seit Ende der 1950er Jahre zeitweise im Kinder- und Juegndhaus St. Josef im Wendum 4 gelebt und gearbeitet haben, waren am Samstag, dem 2. Oktober 2010 beim ersten offiziellen Ehemaligen-Treffen mit dabei.

Schon als die ersten Gäste am Nachmittag eintrafen, war die Stimmung schnell fröhlich und das Haus erfüllt von lebendigen Gesprächen. Viele, die noch bis vor wenigen Jahren ihren Lebens- oder Arbeitsmittelpunkt hier in der Einrichtung hatten, waren noch sehr vertraut mit dem, was sie an diesem Ort erwarten würde. Dementsprechend ausgelassen war die Stimmung. Spannung aber auch freudige Erwartung war besonders in der Gruppe der älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu spüren, für die vor 40, 50 und auch noch mehr Jahren das damalige Kinderheim ihr Lebensmittelpunkt war. Bereits vor der Begrüßung durch die heutige Leiterin der Einrichtung, Birgit Brauer, gab es unter ihnen bewegende Szenen des Wiedersehens. Die meisten von ihnen fanden sich im weiteren Verlauf des Nachmittags mit der ehemaligen Leiterin Sr. M. Magda von den Thüner Franziskanerinnen zu einer Gesprächsgruppe zusammen, in der viele Erfahrungen und Geschichten aus einer weit zurückliegenden Zeit ausgetauscht wurden. Für jüngere und ältere Teilnehmerinnen und Teilnehmer war gleichermaßen interessant, was das Vorbereitungsteam an Fotos und Erinnerungsstücken zusammengetragen hatte. An Stellwänden mit historischen und aktuellen Fotos und in alten Fotoalben wurde intensiv geschaut, wo sich Vertrautes wiederentdecken lies.

Historischer Grundstein wird feierlich wiedereingesetzt

Der Tag des Ehemaligen-Treffens wurde gleichzeitig zum Anlass genommen, die Neueinsetzung des Grundsteins in einer kleinen Zeremonie feierlich zu begehen. Im Rahmen von Umbaumaßnahmen musste der historische Grundstein aus dem Jahre 1902 am Eingang des großen Haupthauses am Wendum Anfang des Jahres 2010 freigelegt werden. „Das Ehemaligentreffen ist ein guter Anlass, sich der über 100-jährigen Geschichte unserer Einrichtung zu erinnern. Zugleich bietet dies eine Gelegenheit zu zeigen, wo wir heute stehen und was sich in diesen vielen Jahren verändert hat“, erklärte Birgit Brauer schon bei der Einladung zu dieser Feier.


Zentimeterarbeit bei der Neueinsetzung des Grundsteins im Eingangsbereich: Der Handwerker Alwid Pliskat (li.) und die Architektin Ulrike Tyrell legen letzte Hand an.


Viele Ehemalige und Gäste begleiten die Feier unter Leitung von Pfarrer Hubert Fischer von der Katholischen Kirchengemeinde St. Vicelin in Bad Oldesloe

Bei der Freilegung des Grundsteins wurde auch eine gläserne Patrone mit Dokumenten aus dem Gründungsjahr entdeckt. In einer neuen Umhüllung wurden jetzt die historischen Urkunden, Zeitungen und Münzen durch aktuelle Schriftstücke ergänzt und versiegelt im Grundstein wieder eingesetzt.

Die neue Urkunde, die vom Träger der Einrichtung, dem Erzbischöflichen Stuhl zu Hamburg, anlässlich der Wiedereinsetzung des Grundsteines gefertigt wurde, wird dieser denkwürdige Anlass mit folgenden Worte dokumentiert:

.. Im Jahr 2010 wurde der Haupteingang des Gebäudes am Wendum 4 in Bad Oldesloe, den der Grundstein des Jahres 1902 über all die Jahre zierte, verändert. Diese Arbeiten erforderten die Herausnahme des Grundsteines und das Wiedereinsetzen an einem anderen Platz.
Diese Veränderung ist nicht die erste, die das trutzige Gebäude, das zwei Weltkriege nahezu unversehrt überstanden hat, nach der Grundsteinlegung erfahren hat. Aber es war wohl diejenige Veränderung, die am deutlichsten werden lässt, dass der Wandel der Zeit auch vor den Dingen nicht halt macht, die unverrückbar erscheinen.
… Die Wiedereinsetzung des Grundsteins des katholischen Waisenhauses, der am 19. März 1902 im Vertrauen auf die allgegenwärtige Fürsorge unseres barmherzigen Gottes in Christus Jesus gesetzt wurde, wird am heutigen Tage im Rahmen einer Zusammenkunft mit ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern des Kinder- und Jugendhauses St. Josef, gleich welchen Namen diese Einrichtung im Verlauf seiner 108-jährigen Geschichte je geführt hat, vorgenommen.
… Geeint im Glauben vertrauen wir auf Gottes allgegenwärtige Güte. Möge sein Segen unser Wirken auch über den heutigen Tag hinaus begleiten!
Bad Oldesloe am 2. Oktober 2010
Domkapitular Franz-Peter Spiza
Erzbischöflicher Generalvikar

Die Begegnungen anlässlich des Ehemaligen-Treffens werden beispielhaft in einem Bericht der Stormarn-Ausgabe des Hamburger Abendblatts vom Montag, dem 4. Oktober 2010 beschrieben:

Zwei Geschichten, die ein Schicksal eint

Ehemaligentreffen im Oldesloer Kinder- und Jugendhaus St. Josef:
Bewohner Almir, 16, spricht mit dem früheren Heimkind Werner Spremberg, 56


Almir (r.) und Nina treffen in St. Josef auf den Ex-Bewohner Werner Spremberg. (Foto: Dorothea Benedikt)

Von Dorothea Benedikt

Bad Oldesloe Auf den ersten Blick eint sie nichts. Sie sind sich völlig fremd. Werner Spremberg, 56 Jahre alt, ist Industriemechaniker und lebt in Osnabrück. Der 16 Jahre alte Almir aus Kroatien ist Schüler und wohnt seit drei Monaten in Bad Oldesloe – im Kinder- und Jugendhaus St. Josef. Und dennoch verbindet beide Männer viel: St. Josef ist das Heim, in dem auch Spremberg aufgewachsen ist.

"Lass dir nie von anderen Menschen sagen, dass du nichts wert bist", sagt Werner Spremberg, der zum Ehemaligentreffen gekommen ist, zu Almir. Er erinnert sich: "Viele Lehrer – und auch andere Menschen – haben uns damals nur als Heimkinder gesehen und uns gesagt, wir könnten nichts." Beide sitzen auf einer durchgesessenen Couch in einem Wohnzimmer des mehr als 100 Jahre alten katholischen Kinderheims. Ein goldfarben verziertes Holzkreuz hängt an der hohen weißen Wand. Spremberg wirkt nachdenklich, er faltet seine braun gebrannten Hände auf dem schweren Holztisch, sein Ehering schimmert golden im Tageslicht. Gemeinsam mit seinen vier älteren Geschwistern war er 1958 im Alter von vier Jahren in das Oldesloer Kinder- und Jugendhaus nach Bad Oldesloe gekommen. Er lebte dort zehn Jahre und kam anschließend in einem anderen Wohnheim unter.

Almir ist mit seinen beiden zwölf und 14 Jahre alten Schwestern vor drei Monaten in dem Heim aufgenommen worden. Er träumt davon, eines Tages Profifußballspieler zu werden. "Ich habe sogar schon in der Jugendmannschaft des 1. FC St. Pauli in Hamburg gespielt." Er erzählt das voller Stolz, und doch klingt seine Stimme traurig. Denn er musste den Verein verlassen: "Nachdem unsere Mutter uns verlassen hatte, kam ich mit meinen kleinen Schwestern bei meinem Onkel in Hamburg unter. Ich wurde dort gut behandelt. Doch meine Schwestern wurden geschlagen." Das ertrug der heute 16-Jährige nicht. Er nahm seine Schwestern an die Hand und floh. "Jetzt spiele ich in einem Oldesloer Fußballverein", sagt er. "Und ich kann zur Schule gehen. Das war zuvor nämlich nicht möglich. Ich musste arbeiten."

Werner Spremberg hört aufmerksam zu. Er ist von der Geschichte des Jungen ergriffen. Wie er selbst in das Kinderheim kam, darüber möchte er nicht reden. Es sind Erinnerungen, die er nicht aufleben lassen möchte. An die Zeit in dem Kinderheim denkt er indes mit gemischten Gefühlen zurück. "Es war familiär, aber es ging vor allem darum, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten, einigermaßen vernünftig gekleidet waren und etwas zu essen bekamen ", sagt er. "Niemand achtete darauf, welche Talente wir hatten. Niemand förderte uns."

Spremberg lebte mit 20 weiteren Jungen in einem großen Raum. Die Betten waren lediglich durch Stellwände getrennt. "Wir bekamen 50 Pfennig Taschengeld in der Woche", erinnert sich der Osnabrücker. Almir lächelt: "Ich bekomme heute 44 Euro im Monat Taschengeld." Er lebt mit einem anderen Jungen und neun Mädchen in einer Wohngemeinschaft in der Nähe des Kinder- und Jugendhauses. Täglich kommen Betreuer vorbei, helfen den Jugendlichen bei den Hausaufgaben und kümmern sich um sie.
"Wir wurden größtenteils von Nonnen betreut", sagt Spremberg. "Wir mussten jeden Tag nach dem Aufstehen, vorm Essen und vor dem Schlafengehen beten. Und regelmäßig in die Kirche gehen. Wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft. Das hat mich sehr gestört."

"Das ist heute ganz anders", sagt die 13-jährige Nina, die das Gespräch der beiden aufmerksam verfolgt hat. "Wir müssen nicht beten. Meine Gruppe lebt mit einer Nonne in einem Haus. Die Schwester fragt uns jeden Sonntag, ob wir mit in die Kirche möchten. Das ist freiwillig."

Almir ist Moslem und kann auch in dem katholischen Kinderhaus seinen Glauben leben. "Es wird Rücksicht darauf genommen, dass ich zum Beispiel kein Schweinefleisch esse und jeden Freitag in die Moschee gehe", sagt er.

Werner Spremberg schüttelt den Kopf und lacht: "Das wäre vor mehr als 40 Jahren nicht denkbar gewesen. Aber die Zeiten haben sich zum Glück geändert." Und dann finden die beiden noch eine Gemeinsamkeit. "Wenn wir gegen die Regeln verstoßen hatten, bekamen wir Stubenarrest", sagt Werner Spremberg. Almir nickt und sagt: "Das ist immer noch so."

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